Eine kleine Geschichte zum Schmunzeln. Ähnlichkeiten mit noch lebenden Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.
Die Klagemauer
In schlechten Zeiten sind die Menschen immer besonders einfallsreich. Wäre das nicht der Fall, wir würden noch in Höhlen hausen. Allerdings werden magere Jahre auch von ständigem Jammern begleitet. Das geschieht zum Teil öffentlich, schreckt aber auch vor dem privaten Bereich nicht zurück. Zwei Gruppen sind zu unterscheiden. Die einen sind die Wehleidigen und die anderen sind die Opfer, die sich das Gezeter anhören müssen. Letzteres ist für die Betroffenen oft sehr anstrengend, um nicht zu sagen, nervtötend. Nun haben findige Leute eine Strategie entwickelt, die beiden Seiten zu Gute kommt. Ich rede hier von den Erfindern der sogenannten Klagemauer. Welch eine Frieden versprechende Einrichtung. Pragmatisch, wie ich bin, habe ich dieses Modell in meine eigenen vier Wände übernommen. Mein Gatte war zunächst von meinem Vorschlag nicht so begeistert, was allerdings daran liegt, dass er zu der Gruppe der Klagenden gehört. Und er braucht, um seine Jammergelüste richtig ausleben zu können, eine Reflektion, also ein Gegenüber. Das war bisher ich. Womit klar ist, mit welcher Gruppe ich sympathisiere. In meinem Inneren ist ein ziemlich großer Müllsack plaziert, der meinen stillen Ärger ungefiltert aufnimmt. Heißt im Klartext, ich zeige meinen Unmut nicht gerne in aller Öffentlichkeit. Eine gute Meditation oder ein richtiger Putztag tun das Ihrige zum Abbau von Frustrationen. Doch nun zurück zu meiner Umbaumaßnahme. Wir einigten uns auf eine Wand im Waschraum. In diese Mauer wurden kleine Ritze eingelassen, die dazu dienen sollten, schriftliche Beschwerden aufzunehmen. Damit sichergestellt war, dass die geheime Schriftsache nicht von unautorisierten Mitgliedern der Familie gelesen werden konnte, stand ein Tütchen mit Gips und ein Eimer mit Wasser zum Anrühren des Selbigen in unmittelbarer Nähe. Zu meinem großen Erstaunen wurde die Möglichkeit sofort genutzt. Und ich muss gestehen, dass auch ich so einige der Ritzen füllte. Ein weiterer Grund für die Weiterentwicklung des Menschen vom Höhlenbewohner zum Neuzeitmenschen ist seine Neugier. Genau die war der Auslöser für die Beendigung meines Projektes. Wer in der aktiv genutzten Klagemauerzeit unseren Waschraum gesehen hätte, wäre sicher überrascht gewesen. Die erwählte Wand erfreute sich vieler kleiner weißer Tupfer. Bildhauer haben so was schon als Kunst angepriesen und sogar verkauft.
Gerade als ich, auf Grund des positiven Ergebnisses, beschlossen hatte, die Idee als Patent anzumelden, wurde mir ein Strich durch die Rechnung gemacht. Mitten in der Nacht werde ich durch ein schabendes Geräusch aus meinem wohlverdienten Schlaf gerissen. Noch zögere ich und überlege, ob ich wirklich aufstehen soll. Aber da dieses Kratzen anhält, reiße ich mich zusammen und schleiche mich die Treppe hinab, um der Sache auf den Grund zu gehen. Durch die nur angelehnte Tür des Wirtschaftsraumes schimmert Licht. Vorsichtig schiebe ich mich mit der Tür nach vorn und schaue in die vor Schreck aufgerissenen Augen meines Mannes. Da steht er vor der Mauer, in der einen Hand einen Hammer und in der anderen einen Meißel. Zwei der mit Gips verschlossenen Ritzen sind bereits dem Werkzeug zum Opfer gefallen. Auf dem Fußboden liegen die dazugehörigen Zettel, die ohne Zweifel einst von mir eingemauert worden waren. In mir steigt zunächst ein Ärger hoch, der sich mittels Druck aus dem Magen durch die Luftröhre und den weit geöffneten Hohlraum meines Sprachorganes einen Weg nach Außen bahnen will. Doch als ich meinen Göttergatten dann so anschaue, wie er da steht, wie ein begossener Pudel, kann ich das Lachen nicht unterdrücken. Da ist zum Einen das Werkzeug in den Händen eines Menschen, der nicht im Geringsten manuell veranlgt ist und zum anderen die Erscheinung. Shorts und T-shirt, Pantoffeln, die Haare wirr vom Schlaf und mitten im Gesicht die größten Unschuldsaugen seit Bambi. Das ist dann auch für mich zuviel. Unter Gelächter hebe ich die Papierstücke vom Boden auf und weiß, ohne sie zu lesen, was drauf geschrieben steht. Auf beiden steht das Gleiche, wie auch auf allen anderen Zetteln, die ich dort verewigt hatte, nämlich, dass ich mich nicht beklagen will, weil es mir doch eigentlich ganz gut geht. Wie groß mag die Enttäuschung wohl gewesen sein, angesichts einer solch banalen Aussage. Wir haben uns darauf geeinigt, dass ein Schreibheft den gleichen Zweck erfüllt. Die Wand haben wir dann renoviert und mit sehr vielen kleinen Bildern geschmückt.